Der Wecker klingelte, wie jeden Morgen. Draußen zwitscherten die Vögel. Es schien ein schöner Tag zu werden.
Dr. Seltsam lag wach im Bett und lauschte den Stimmen des Morgens nach. Langsam setzte draußen der Verkehr ein, bald schon würde sich gleich neben dem Haus ein Stau bilden, wie jeden Donnerstag, wenn die Müllabfuhr kommt, wie immer, donnerstags eben.
Sie setzte sich auf. Heute nicht, nein, dieser Tag würde anders werden. Heute würde es mal wieder etwas zu feiern geben.
Endlich stand sie auf und ging ins Bad, selbst der Spiegel erstrahlte heute in einem ganz besonderen Licht.
Heute war er da – der Donnerstag der Rache, ihrer Rache!
Als Dr. Seltsam aus dem Haus trat, war der Verkehr im vollem Gange – und stand.
Doch auch der Gestank, der Lärm und die bösen Blicke, aus der Blechlawine konnten ihr heute nichts anhaben. Dies war ein ganz besonderer Tag, denn es war Ihr Tag.
Da war er – der Ort ihrer Rache. Das Schulgebäude, mitten im Großstadttumor, wie eine Insel und noch völlig verwaist.
Ein paar Jugendliche standen noch unschlüssig davor. Ob sie es ahnten? Abschätzend bliesen sie den Zigarettenrauch in ihre Richtung. Die sind nicht mal 14, dachte sie.
Dr. Seltsam überquerte den Schulhof und ging hinein, schritt durch noch menschenleere Korridore und trat in ihre Kammer. Sonst ein besonders muffiges Versteck, doch heute der Auftakt von allem, dachte Dr. Seltsam, setzte sich auf den wuchtigen Schemel in der Ecke und schloss die Augen.
Es klingelte zum ersten Mal – gleich würde es so weit sein. Der Lärm im Haus machte deutlich, dass es in wenigen Augenblicken beginnen würde. Die erste Stunde, es war so weit!
Dr. Seltsam stand ruhig auf, griff gelassen nach ihrer Tasche und machte sich auf den Weg in die Klasse, so wie jeden Tag. Aber diesmal würde es anders werden, diesmal würde alles ganz anders kommen, denn heute war ein ganz besonderer Tag; es war ihr Donnerstag.
Sie betrat das Zimmer, niemand bemerkte das Glitzern in ihren Augen. Ja, es hätte sie verraten können, aber selbst wenn es einer gesehen hätte, er hätte es nicht verstanden – noch nicht. Mit einem lauten Krachen fiel die Tür zu, aber bei dem ganzen Getöse in der Klasse fiel es dennoch kaum jemanden auf. Wie immer, wenn sie die Klasse betrat wurde sie auch heute zunächst übersehen.
Sie knallte ihre Tasche auf das Pult, und nun blickten auch einige Schüler für einen kurzen Moment in ihre Richtung.
Sie nahm in einer Seelenruhe, die sonst nicht ihre Art war, die so sorgsam ausgesuchten Aufgaben heraus. Dies waren heute keine aus dem Lehrplan, auch keine von ihren Freunden und Kollegen, dies waren IHRE Aufgaben. Heute bekam jeder seine ganz persönliche Aufgabe, eine die er nicht vergessen würde, eine die einfach nicht zu lösen war.
Sie verteilte ganz in Ruhe ihre Blätter. Sie schritt von Bank zu Bank. Jetzt hatte sie die volle Aufmerksamkeit, was nicht bedeutete, dass es still geworden wäre; nun klangen die Rufe ein bisschen hysterisch. Panik stand den meisten richtig gut zu Gesicht, fand Dr. Seltsam.
Als sie an der Bank des blassen Jungen mit der Brille vorbeiging und ihm seine Aufgabe reichte, huschten ihr doch ein paar Bedenken durch den Kopf. Mit seinem ruhigen Wesen und seinem ansteckenden Lächeln hatte er diese schwere Prüfung nicht verdient.
Doch auch er war heute nicht zu retten!
Ähnlich verhielt es sich mit dem Mädchen drei Bänke weiter, sie war viel zu schüchtern um negativ aufzufallen.
Für den Schluss hatte sie sich ihre ganz persönliche Feindin aufgehoben, das Mädchen von dem sie schon viel zu oft bloßgestellt worden war. Während die anderen schon über den Aufgaben zu brüten schienen überreichte ihr Dr. Seltsam mit einem Lächeln die Aufgabe. Für einen kurzen Augenblick blitzte in den Augen des Mädchens Angst auf und das genügte. Sie war am Ziel. Egal was jetzt noch passierten würde, diesen Augenblick konnte ihr keiner mehr nehmen.
Sie starrte auf ihr Blatt, dann wieder zur Lehrerin – was war das? Wieder und wieder las sie ihre Aufgabe. Langsam kroch Übelkeit in ihr hoch. Oh Gott, so schlecht hatte sie sich schon seit Jahren nicht mehr gefühlt. Nicht seit damals als sie ihr Kaninchen im Verschlag in der Scheune gefunden hatte.
Gleich muss ich mich übergeben, dachte sie, wie … woher …
Ihre Gedanken kreisten jetzt nur noch um dieses schreckliche Erlebnis. Es war schon viele Jahre her und sie hatte seit Monaten nicht mehr daran denken müssen. Wie es dagelegen hatte, so halb verwest und von Maden zerfressen. Dieser schreckliche Anblick, würde sie überallhin verfolgen, nie würde sie auch nur einen Bissen Fleisch anrühren können. Dabei hatte sie es wirklich nur gut gemeint. Sie hatte es doch davor beschützen wollen, das es geschlachtet wird. Als sie ins Krankenhaus eingeliefert wurde, konnte sie es niemandem sagen. Die ersten Tage redete sie sich immer wieder ein, dass sie dem Kaninchen genug zu fressen hingelegt hatte, aber tief in ihrem Inneren wusste sie, dass es längst zu spät war.
Den Tag ihrer Heimkehr würde ihn nie wieder vergessen können. Es war ein herrlicher Tag. Ja, dachte Frau Seltsam, genau so ein Tag wie heute.
Es klingelte zur Pause. Noch immer war es schrecklich still in der Klasse, keiner hatte mehr einen Ton gesagt, keiner stand auf.
Frau Seltsam räusperte sich: “Eure Zeit ist um!”
Langsam erhoben sich die ersten von ihren Plätzen, alle sahen ein bisschen blas aus, immer noch war es ruhig in der Klasse.
Keiner hatte etwas auf seinem Blatt stehen und keiner wagte es, die Lehrerin anzublicken.
Diese Stunde war anders verlaufen als sonst. Diesen Tag würden sie nicht so leicht vergessen. Heute war eben ein ganz besonderer Tag, denn es war Donnerstag, ihr Donnerstag.
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